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An der virtuellen Bar die besten Drinks mixen

11. Februar 2019

Usability: Welchen Einfluss hat die Zielgruppe auf das Design?

Das interaktive Web Based Training eVideo vermittelt Menschen mit Grundbildungsbedarf und Interesse an den Branchen Logistik, Gastgewerbe und Gebäudedienstleistungen, Grundkompetenzen für die Arbeitswelt. Wie gelingt es mithilfe eines Online-Trainings, eine Zielgruppe mit so spezifischen Lernbedürfnissen auf spielerische Art und Weise zu begeistern und worauf ist beim Trainingsdesign besonders zu achten? Der Weiterbildungsdienstleister IMC (Information Multimedia Communication) mit Hauptsitz in Saarbrücken begleitet das Projekt von Beginn an seit vier Jahren als Technologiepartner und optimiert die Lerninhalte mit besonderem Fokus auf diese beiden Fragen kontinuierlich.

 

„So viel wie nötig, so wenig wie möglich“

„An diesem Grundsatz haben wir uns bei der Verbesserung der Trainings orientiert“, berichtet Melissa Hohmann von IMC, die als Projektmanagerin intensiv in die Entwicklung eingebunden ist. „Zu Beginn mussten wir uns stark von den Anforderungen lösen, die wir aus klassischen WBT-Projekten gewohnt waren, da die Zielgruppe von eVideo völlig andere Bedürfnisse hat. So würden Lernende, die regelmäßiges Lernen und den Umgang mit verschiedenen Lernformen und Medienformaten gewohnt sind, die Fülle von Audio- und Videoelementen in den eVideo WBTs als nahezu überladen empfinden. Die Zielgruppe der WBTs, die wir gemeinsam mit ARBEIT UND LEBEN entwickelt haben, trainiert allerdings parallel für die täglich anfallenden Aufgaben im Beruf und das Lesen und Schreiben. In herkömmlichen WBTs für eine Zielgruppe ohne Schwierigkeiten mit der Schrift sind in der Regel kaum Audioelemente eingebunden. Vor allem auf Redundanzen, sprich das gleichzeitige Vorhandensein von Text- und Audioelementen zum selben Inhalt wird hier ganz bewusst verzichtet. Für die Lernenden, an die sich eVideo richtet, ist dieses Übermaß an realitätsnahen Elementen allerdings notwendig, da sie wenig bis gar keine Erfahrung in Sachen berufsbegleitender Weiterbildung haben und daher am besten in einem Setting trainieren können, das ihrem tatsächlichen Arbeitsumfeld so ähnlich wie möglich ist. Eine direkte Ansprache und klare Anleitung beim Durchlaufen der einzelnen Module sind daher ebenfalls ein Muss. Dies erfolgt in den WBTs visuell mithilfe von Hilfevideos, in denen die Aufgabenscreens angezeigt und erläutert werden.“, so Melissa Hohmann. Welche Faktoren haben insgesamt dazu beigetragen, die Lernenden für das Trainieren mit eVideo zu motivieren?

 

Motivationsfaktor Authentizität

Bereits kurz nach dem Start des Online-Trainings für den Gastronomiebereich hat der Lernende das Gefühl, sich in einem echten Hotel zu befinden. Ein(e) freundliche(r) Kollege/ Kollegin übernimmt dort die Begrüßung und erklärt dem Neuzugang in ein paar Worten wie das Training ablaufen wird. Selbstverständlich trägt der virtuelle Kollege die typische Arbeitskleidung, die der jeweiligen Rolle als Kellner(in), Empfangsmitarbeiter(in) oder Koch/ Köchin entspricht und die man etwa genauso auch in einem realen Betrieb an den Mitarbeitern sehen würde. In die Rolle des Kollegen schlüpfen Schauspieler, deren Äußeres glaubhaft suggeriert, dass sie tatsächlich in dem jeweiligen Beruf tätig sind. So wirkt Oberkellner Georg als könne er den Gästen die perfekte Weinempfehlung geben, während man Hausmeister Uwe sofort abnimmt, dass er das Haus so gut kennt, wie kein anderer. 

 Abbildung 1: Das Team aus dem WBT für die Gastronomiebranche

 

Im Hintergrund unterstreichen Photos, die in realen Betrieben derselben Branche aufgenommen wurden oder individuell für den fiktiven Betrieb kreierte Logos, das Setting. Um die Trainigs so realitätsnah wie möglich zu gestalten, wurde auf Stock-Images größtenteils ganz bewusst verzichtet. Im Modul zum Cocktails Mixen sorgt eine bunte Beleuchtung im Hintergrund für eine entspannte Lounge-Atmosphäre, die dem Barmann unmissverständlich zu verstehen gibt: Es ist Feierabend oder Wochenende. Heute Abend haben die Gäste bestimmt Lust auf einen leckeren Cocktail. Der will auch im WBT nach allen Regeln der Kunst gemixt sein: Während der Lernende die Zutaten per Drag and Drop in den Shaker wirft, verändert sich nicht nur die Farbe des fruchtigen Mixgetränks, sondern es werden auch vorher die Erdbeerstiele und Blätter entfernt. Denn schließlich haben die im Getränk des Gastes nichts zu suchen.

 Abbildung 2: Im Online-Training lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wie ein leckerer Cocktail gemixt wird

 

Motivationsfaktor Interaktivität

Das Durchlesen seitenlanger Texte oder das Beantworten theorielastiger Multiple Choice Fragebögen würde auf die Zielgruppe von eVideo wohl eher abschreckend als motivierend wirken. Je praxisorientierter und interaktiver die Übungen, desto eher bleiben die Lerner am Ball und sind gespannt auf die nächste Übung. Um auf dieses Bedürfnis einzugehen, wurde bereits in der Konzeptionsphase des Trainings darauf geachtet, ständig zwischen verschiedenen Aufgabentypen wie Lückentextübungen, Drag and Drop oder Koordinationsaufgaben zu variieren. Das sorgt für Abwechslung und lädt die Lernenden immer wieder dazu ein, selbst aktiv zu werden. Da jede der Aufgaben in drei Schwierigkeitsgraden angeboten wird, kann sich der Lerner ein Bild vom eigenen Lernfortschritt machen. Die Aufgabenstellungen sind durchweg klar verständlich und werden dem Lerner vorab vorgelesen UND angezeigt. So kommt es in keinem Fall zu Missverständnissen. Zudem werden Übungen desselben Typs durch ein einheitliches Icon symbolisiert, das einen zusätzlichen Wiedererkennungswert schafft und dem Lernenden vorab zeigt, welche Aufgabe als nächstes zu lösen ist. Zum Teil wird sogar der Text durch Icons widergespiegelt. So wird beispielsweise im Text neben dem Wort „Terrasse“ ein kleines Symbol angezeigt, auf dem eine Terrasse zu sehen ist. Während des gesamten Trainings wird der Lernende darüber hinaus sowohl in den Videos als auch im Text persönlich angesprochen. Auf diese Weise wird die Interaktivität zusätzlich gesteigert. Gleichzeitig erfolgt jede direkte Ansprache des Lernenden je nach Geschlecht, sprich entweder in der weiblichen oder der männlichen Variante. Bei der Umsetzung des Projektes brachte dies einen zusätzlichen Aufwand mit sich, da einige Videos doppelt gedreht und fast jede Aufnahme in zwei Varianten aufgezeichnet werden musste. Trotzdem haben sich die Projektverantwortlichen bewusst dafür entschieden, den Mehraufwand in Kauf zu nehmen, da die geschlechterspezifische Ansprache für noch mehr Echtheit sorgt.

 

Motivationsfaktor Audiovisuelle Elemente

Während des gesamten Trainings kommen audiovisuelle Elemente zum Einsatz, die dem Lerner suggerieren, dass er sich gerade „auf der Arbeit“ befindet. So wurde beispielsweise für jedes Setting eine spezielle Soundkulisse entwickelt, die das Geräusch des Staubsaugers im Speisesaal des Hotels oder das unverwechselbare „Plop“ beim Stapeln von Warensendungen in den Lieferwagen nachahmt. Die authentischen Geräusche verstärken bei den Lernenden das Gefühl, während der Übungen tatsächlich den Tisch zu decken, einen Cocktail zu mixen oder den LKW vollgeladen und somit „einiges geschafft“ zu haben. Und was könnte motivierender sein als ein erfolgreicher Arbeitstag?

 

Motivationsfaktor Transparenz

Um für eine klare Trennung und Unterscheidbarkeit zwischen den einzelnen Branchen zu sorgen, ist jede von ihnen mit einer eigenen Farbe gekennzeichnet. Besonders wichtig sind in jedem einzelnen der branchenspezifischen Formate ein klar erkennbarer roter Faden, der durch die einzelnen Module führt. An keiner Stelle soll sich der Lerner oder die Lernerin fragen: Warum soll ich diese Übung eigentlich machen und was bringt mir die neu erlernte Fähigkeit bei meiner täglichen Arbeit? Ganz im Gegenteil bestand das Ziel darin, den Praxisbezug zu jedem Zeitpunkt klar hervortreten zu lassen, weshalb bei der Konzeption jeder Übung und bei der visuellen Umsetzung darauf geachtet wurde, dass zwischen dem Gelernten und dem tatsächlichen Arbeitsalltag ein unmittelbar ersichtlicher Zusammenhang besteht. Abstrakte, vorwiegend theoriebezogene Übungen gibt es deshalb in keinem der WBTs.

 

Eine steile Lernkurve - auch bei der Konzeption der Trainings

„Im Laufe dieses Projektes haben wir im Hinblick auf das Design selbst unheimlich viel dazugelernt und mussten dabei einige Hürden überwinden. In der Anfangsphase des Projektes waren die Trainings noch sehr überladen mit Text und weniger interaktiv“, erinnert sich Melissa Hohmann. Inzwischen zeichnen sich alle Trainings durch einen übersichtlicheren Look aus, in denen der Text auf das wesentliche beschränkt bleibt. Die neuste Version von eVideo kann in einer leicht reduzierten Variante auch auf dem Smartphone genutzt werden. Gerade hier ist es wichtig, eine gute Balance zwischen Text und Bild zu schaffen, um eine gute Usability zu gewährleisten. Stellenweise mussten die Partner von ARBEIT UND LEBEN die Texte überarbeiten beziehungsweise kürzen, um die Inhalte schlanker und für die Lernenden ansprechender zu gestalten. In allen Trainings wurde bewusst auf schwarz als Schriftfarbe verzichtet und stattdessen ein dunkles grau gewählt. Der Vorteil: Das Auge wird beim Lesen geschont und die Lesbarkeit vereinfacht. Zum Teil stießen Melissa Hohmann und ihre Kollegen bei der Umsetzung auch auf rein technische Fallstricke. „Nicht zu unterschätzen war der Umfang der Audio- und Videodateien, die teilweise ganz einfach den Rahmen gesprengt haben. Um auch die Nutzbarkeit auch auf dem Tablet oder anderen Endgeräten konstant zu halten, mussten wir zunächst etwas tüfteln, ehe wir mit dem Ergebnis zufrieden waren“, berichtet die Projektmanagerin.

Zuerst erschienen in: Materna, Sarah Hohmann, Melissa. 2018. „An der virtuellen Bar die besten Drinks mixen. Usability: Welchen Einfluss hat die Zielgruppe auf das Design?“ In: Lüdtke, Michael / Schulz, Björn (Hrsg.). Wie wirkt Grundbildung? Eine Zwischenbilanz des Projekts eVideoTransfer. Berlin: ARBEIT UND LEBEN – DGB/VHS Berlin-Brandenburg, S. 79-85.

 

Einen Überblick über das Projekt eVideo finden Sie online.


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